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Die Frage mag banal klingen, aber nach dem zu urteilen, was bei mir teilweise über den Schreibtisch geht, ist sie es wohl doch nicht. Sicher werden Sie mir zustimmen, dass folgende Sätze keine Geschichte ergeben:

Herr B. pflanzte Rosen. Aus dem Fenster drang Marschmusik. Der Asphalt glänzte in der Sonne.

Richtig. Das ist keine Geschichte, sondern eine Beschreibung. Eine Geschichte besteht aus einer Abfolge zusammenhängender Handlungen. Die folgenden Sätze sind ein Beispiel für eine Geschichte:

Wie an jedem Wochentag ging Herr B. um acht aus dem Haus. Um halb sechs Uhr abends kam er zurück, wärmte sich ein Fertiggericht in der Mikrowelle auf und sah bis zur Schlafenszeit fern.

Aber fesselnd ist das nicht,  weil die Figur ein langweiliges Leben führt. So sehr wir uns im Leben nach Harmonie sehnen – in Büchern schätzen wir Drama und Konflikt. Wenn das Leben von Herrn B. weiterhin in so geordneten Bahnen verliefe, wäre es zu belanglos, um es zu erzählen. Ganz anders aber, wenn Herr B. gezwungen wird, aus seinem Trott auszubrechen. Der Grund muss keine Alieninvasion oder etwas ähnlich spektakuläres sein, sondern kann auch in einer Kleinigkeit bestehen. Zum Beispiel könnte die Mikrowelle kaputt gehen.
Damit haben wir die erste Voraussetzung für eine fesselnde Geschichte: Die Hauptfigur wird durch eine Veränderung zu einer Handlung gezwungen.

Aber reicht das? Im Beispiel könnte die Handlung z. B. darin bestehen, dass Herr B. einen Pizzaservice anruft, sich Brote schmiert oder auswärts isst. Welche Variante er wählt, hängt stark von seinem Charakter ab. Aber darf man es ihm so einfach machen?

Wie an jedem Wochentag ging Herr B. um acht aus dem Haus und wie üblich kam er um halb sechs Uhr abends zurück. Aber als er sich wie gewohnt ein Fertiggericht in der Mikrowelle aufwärmen wollte, gab diese nur ein leises „Pling“ und ein Rauchwölkchen von sich. Herr B. besah das Gerät von allen Seiten, konnte aber keinen Fehler finden. Also beschloss er, ein paar Brote zu schmieren und sah bis zur Schlafenszeit fern.

Offensichtlich nicht. Herr B. handelt zwar, aber die Spannung verfliegt sofort, weil er gleich eine Lösung seines Problems findet. Trotzdem zeigt das Beispiel eine weitere Bedingung für eine fesselnde Geschichte: Die Figur muss etwas wollen – und sei es nur ein Abendessen.

Damit die Geschichte fesselnd bleibt, muss aber noch eine dritte Bedingung erfüllt sein: Die Figur darf ihr Ziel nicht sofort erreichen, sondern muss vorher immer neue, schwierigere Probleme lösen. Um beim Beispiel zu bleiben, könnte Herr B. feststellen, dass kein Brot im Haus ist und beschließen, zum Bäcker zu gehen. Dort angekommen stellt er fest, dass sein Geldbeutel zuhause auf dem Küchentisch liegt. Schlimmer noch: Die Hausschlüssel liegen daneben. Und nun? Was wird Herr B. in dieser Situation unternehmen: Quer durch die Stadt zu Mama laufen, die als einzig einen Ersatzschlüssel besitzt? Versuchen, in die eigene Wohnung einzubrechen?
Merken Sie, wie Ihre Fantasie anspringt? Das ist der Punkt, an dem eine Geschichte zu fesseln beginnt: Der, an dem der Leser sich für die Optionen der Charaktere und die Folgen der Handlungen zu interessieren beginnt. Lassen Sie ihn nicht vom Haken! (Er)finden Sie Probleme und zwingen Sie ihren Charakter Lösungen zu finden, die ihn in immer neue, noch größere Schwierigkeiten führen. Ob er am Ende zum Ziel kommt oder großartig scheitert, ist fast egal – Sie haben ihres erreicht: eine Geschichte geschrieben, die den Leser fesselt.

Nun bin ich auf Ihre Lösungen gespannt: Was tun Sie, um die Handlungsspannung hoch zu halten?

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