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Da ich gerade wieder so einen Fall hatte, bei dem der Antagonist in der Vergangenheit gar grässlich litt, bevor er zum unsagbar Bösen mutierte, eine Bitte an alle Schreibenden da draußen: Lasst es! Bitte!

Nicht nur, weil es billige Küchenpsychologie ist, anzunehmen, jeder Verbrecher habe eine schlimme Kindheit gehabt und je entsetzlicher die Kindheit gewesen sei, desto grausamer wären die Verbrechen, die er als Erwachsener begeht.
Hinzu kommt, dass es nicht zur Figurenentwicklung beiträgt, den Antagonisten mit einer schweren Kindheit auszustatten, da diese Figur inzwischen längst zum Klischee verkommen ist.
Das gravierendste Problem ist aber, dass Sie Gefahr laufen, Ihre Leser zu vergrätzen, indem Sie den Eindruck erwecken, Sie wollten Ihren Antagonisten verteidigen. Wenn Sie mir nicht glauben, studieren Sie die Reaktionen der Öffentlichkeit bei spektakulären Fällen, wie Kindesmissbrauch, Entführung oder Mord. Gerade im Internet lassen sich die Kommentare gut verfolgen und was bei Strafmilderungen wegen „schlimmer Kindheit“ geäußert wird, ist fast schon wieder strafwürdig.

Das heißt nun nicht, dass Sie keine Hintergrundgeschichte für Ihren Antagonisten erfinden sollen. Wenn es Ihnen hilft, ihn oder seine Motive besser zu verstehen, ist es sogar gut. Aber deshalb müssen Sie diese Hintergründe noch lange nicht vor dem Leser ausbreiten. Viele Antagonisten funktionieren hervorragend ohne, wie Saruman, der weiße Zauberer aus Tolkiens „Herr der Ringe“. Bei der Sorgfalt, die Tolkien auf die Ausgestaltung seiner Welt verwandt hat, bin ich sicher, dass er auch irgendwann einen Hintergrund für Saruman erfunden hat. Nur taucht diese „Backstory“ nirgends auf. Warum auch? Sarumans Handlungen sind durch die Erzählgegenwart motiviert.
Auch der Hintergrund von Tolkiens „Superschurken“ Sauron wird nur soweit erwähnt, wie es für das Verständnis des Ringkriegs notwendig ist, obwohl es in seinem Fall sogar eine viel weiter zurück reichende Hintergrundgeschichte gibt.
Selbst Hannibal Lector kam anfangs hervorragend ohne schwere Kindheit aus. Dass ihm nachträglich eine verpasst wurde, schwächt in meinen Augen die ganze Serie.

Daher ist mein Rat: Achten Sie darauf, die Handlungen ihres Antagonisten ausreichend durch gegenwärtige Motive zu begründen. In 90% der Fälle können Sie sich dadurch den Rückgriff auf die Kindheit sparen. Und versuchen Sie in den übrigen 10%, nicht zu dick aufzutragen.

Was meinen Sie: Wann ist ein Rückgriff auf die Vergangenheit eines Charakters unbedingt notwendig?

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